Lesegeschwindigkeit diagnostizieren und gezielt fördern – So gelingt wirksame Leseförderung im Unterricht
Leseflüssigkeit ist der Schlüssel zum Textverständnis
Vielleicht kennst du die Herausforderung: Manche Kinder lesen stockend, andere scheinbar flüssig, verstehen den Inhalt aber trotzdem nicht. Deshalb ist es wichtig, Leseschwierigkeiten frühzeitig zu erkennen und die Förderung gezielt anzupassen.
Die Grundlage: Die Lesepyramide
Eine erfolgreiche Leseförderung baut Schritt für Schritt aufeinander auf:
- Sichtwortschatz erweitern
- automatisierte Worterkennung entwickeln
- Dekodiergenauigkeit verbessern
- Leseflüssigkeit steigern
- Textverständnis fördern
Fehlt eine dieser Grundlagen, wird das Lesen für Kinder unnötig anstrengend. Gerade bei älteren Kindern lohnt es sich deshalb, noch einmal einen Schritt zurückzugehen. Wenn ein Kind in Klasse 3, 4, 5 oder 6 nicht flüssig liest, können Übungen zum Sichtwortschatz weiterhin sinnvoll sein.
Sichtwortschatz, Worterkennung und Dekodiergenauigkeit
- Der Sichtwortschatz umfasst Wörter, die ein Kind auf Anhieb erkennt, ohne sie Buchstabe für Buchstabe oder Silbe für Silbe entschlüsseln zu müssen. Je größer dieser Wortschatz ist, desto leichter fällt das flüssige Lesen. Hier helfen regelmäßige Übungen, mit denen häufig vorkommende Wörter automatisiert werden.
- Worterkennung geht über den Sichtwortschatz hinaus, dass heißt die Kinder sollten dann die Wörter automatisch in Sprechsilben zerlegen und diese Wortzusammenhänge und auch Wortbedeutung dann erkennen können.
- Bei der Dekodiergenauigkeit geht es um die flüssige Aussprache und die richtige Betonung. Denn wenn ein Kind nicht in der Lage ist, beim Lesen die Wortbedeutung zu erkennen, wird das Wort oft falsch betont und es kann dann gar nicht richtig verstanden werden.
Warum Lesegeschwindigkeit so wichtig ist
Eine ausreichende Lesegeschwindigkeit bildet die Grundlage für erfolgreiches Textverständnis. Wenn ein Kind noch sehr viele Kapazitäten dafür benötigt, einzelne Buchstaben, Silben und Wörter zu entschlüsseln, bleibt kaum Aufmerksamkeit für den Inhalt des Textes übrig. Erst wenn Wörter zunehmend automatisiert erkannt werden, stehen genügend kognitive Ressourcen zur Verfügung, um Zusammenhänge zu verstehen.
Das Lautleseprotokoll als Diagnoseinstrument
Ein bewährtes Instrument zur Diagnose ist das Lautleseprotokoll. Dabei liest ein Kind einen altersgerechten Text für 60 Sekunden laut vor. Währenddessen markierst du richtig gelesene Wörter, falsch gelesene sowie ausgelassene Wörter. Nach einer Minute setzt du eine Markierung. Anschließend zählst du, wie viele Wörter das Kind bis zu dieser Stelle richtig gelesen hat. Mit den Zahlen kannst du nun die Lesegeschwindigkeit sowie die Lesegenauigkeit ermitteln.
Als grober Orientierungswert gilt:
- Lesegeschwindigkeit: Am Ende der 4. Klasse sollten Kinder ungefähr 120 Wörter pro Minute richtig lesen.
- Lesegenauigkeit: Ein Text sollte zu mindestens 95 Prozent fehlerfrei gelesen werden.
Ganz wichtig ist, dass du passende Texte zur Verfügung stellst, denn sowohl zu schwierige als auch zu leichte Texte verfälschen die Ergebnisse. Hier kannst du dich an den LIX-Werten (Lesbarkeitsindex) orientieren. Online findest du dazu kostenlose Rechner. Der LIX-Wert wird aufgrund der Fremdwörter, der Wortlänge, der Satzlänge und der Textlänge berechnet.
Eine einmalige Messung reicht nicht aus. Damit du Fortschritte erkennen und die Förderung anpassen kannst, solltest du das Lautleseprotokoll drei- bis viermal pro Schuljahr durchführen.
Digitale Unterstützung bei der Diagnose mit alphaben
In der alphaben-App öffnen die Kinder einen Text in der App und starten über die Mikrofonfunktion eine Leseaufnahme. Anschließend wird die Aufnahme automatisch an das zugehörige Schulportal übertragen. Du hörst dir die Aufnahme später in Ruhe an und wertest die ersten 60 Sekunden aus.
Das hat mehrere Vorteile:
- Lesegeschwindigkeit und Lesegenauigkeit lassen sich regelmäßig überprüfen.
- Fortschritte können leichter dokumentiert und verglichen werden.
- In der alphaben-App stehen unterschiedliche und differenzierte Texte zur Verfügung.
- Die Diagnose kann parallel zum Unterricht stattfinden.
- Die Aufnahmen lassen sich später konzentriert auswerten.
Achte darauf, jede Auswertung eindeutig dem jeweiligen Kind zuzuordnen. Halte außerdem fest, ob es sich um einen geübten oder ungeübten Text gehandelt hat. So kannst du die Ergebnisse später zuverlässig miteinander vergleichen.
Weg vom reinen stillen Lesen
Gerade bei leseschwachen Kindern reicht stilles Lesen häufig nicht aus. Wenn du einem Kind lediglich einen Text gibst und anschließend Verständnisfragen stellst, werden Lesefehler oft nicht erkannt oder korrigiert. Setze deshalb bei schwächeren Leserinnen und Lesern verstärkt auf laute oder halblaute Leseverfahren. Geeignet sind Methoden wie, das Lesetandem, Partnerlesen, Kleingruppenlesen, gemeinsames Lesen in der Klasse.
Wiederholtes Lesen wirkt
Wiederholtes Lesen gehört zu den wirksamsten Methoden, um die Leseflüssigkeit zu steigern. Dabei lesen die Kinder denselben kurzen Text zwei- bis dreimal hintereinander. Damit die Wiederholungen nicht langweilig werden, kannst du die Sozialform oder die Methode wechseln. Der gleiche Text kann alleine, im Tandem oder auch mit verteilten Rollen oder dem Lesewürfel gelesen werden.
Textvorentlastung für schwächere Kinder
Bevor ein schwieriger Text gelesen wird, solltest du zentrale Wörter gemeinsam mit den Kindern klären. Nimm dazu unbekannte Wörter vorweg, Wörter, die schwierig auszusprechen oder wichtig für das Textverständnis sind. Dadurch können sie sich beim Lesen stärker auf die Leseflüssigkeit und den Inhalt konzentrieren.
Feste Lesezeiten im Schulalltag
Leseförderung muss fest in den Unterrichtsalltag integriert werden. Plane möglichst verbindliche Lesezeiten ein. Besonders sinnvoll sind Einheiten von etwa 20 Minuten, weil die Kinder dann genügend Zeit haben, einen Text mehrfach zu lesen.
Differenzierte Texte einsetzen
Innerhalb einer Klasse lesen manche Kinder noch auf Wortebene, andere bewältigen bereits längere Texte. Mit zwei- oder dreifach differenzierten Texten kannst du alle Kinder am gleichen Thema arbeiten lassen. Dabei bleiben die Inhalte ähnlich, während sich die Texte unterscheiden beispielsweise durch Satzlänge oder Wortschatz unterscheiden. So kannst du gemeinsam in ein Thema einsteigen und auch die Auswertung wieder mit der gesamten Klasse durchführen.
Praktische Methoden für die Leseförderung im Unterricht:
- Blitzblick: Der Blitzblick eignet sich besonders, um den Sichtwortschatz und die schnelle Worterkennung zu trainieren.
- Lückenlesen: Das Ziel vom Lückenlesen ist die Verbesserung der Leseflüssigkeit.
- Lesetandem: Beim Lesetandem lesen ein stärkeres und ein schwächeres Kind gemeinsam halblaut.
- Lesewürfel: Hier wird in Kleingruppen zusammengearbeitet. Auf dem Würfel stehen verschiedene Leseformen.
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Marion Singler
Lehrerin, Gründerin der Lese-App „alphaben“
