Herausfordernde Kinder verstehen und begleiten – Erfahrung trifft Expertise
Herausfordernde Kinder verstehen und begleiten: Was Lehrkräfte wirklich tun können
Herausfordernde Kinder gehören für viele Lehrkräfte zum Schulalltag. Manche rufen ständig dazwischen, andere verweigern sich komplett, wieder andere reagieren mit Wut, Aggression oder Rückzug. Im diesem Webinar zeigt Julia Michalke, wie pädagogische Haltung, Beziehung und klare Strukturen im Umgang mit belasteten oder auffälligen Kindern helfen können.
Was sind herausfordernde Kinder?
Der Begriff „herausfordernde Kinder“ umfasst weit mehr als nur lautes oder aggressives Verhalten. Gemeint sind Kinder, die im schulischen Alltag in irgendeiner Form auffallen oder intensive Begleitung brauchen.
Dazu gehören zum Beispiel:
- Kinder mit ADHS oder ADS
- sehr zurückgezogene Kinder
- Kinder mit emotionalen Ausbrüchen
- Kinder mit aggressivem Verhalten
- Kinder mit Autismus oder Förderschwerpunkten
- Kinder mit Sprachbarrieren
- Kinder aus belasteten oder bildungsfernen Familien
- Kinder mit sozialen Auffälligkeiten oder Schulverweigerung
Die zentrale Botschaft des Webinars: Herausforderndes Verhalten ist meist kein böser Wille. Oft steckt Überforderung, Frust, Unsicherheit, ein ungelöstes Problem oder ein belastender Alltag dahinter.
Die drei Säulen der Unterstützung
1. Beziehung
Beziehung ist die Grundlage von allem. Wenn Kinder sich gesehen, ernst genommen und emotional sicher fühlen, entstehen viel eher Zugänge für pädagogisches Handeln. Lehrkräfte können dann mit kleinen Signalen, Blicken oder ritualisierten Absprachen früh eingreifen, bevor eine Situation eskaliert. Gerade bei Kindern mit auffälligem Verhalten ist Beziehungsarbeit kein Extra, sondern der Anfang jeder wirksamen Unterstützung.
2. Struktur
Klare Regeln, feste Routinen und eine verlässliche Klassenkultur geben Sicherheit. Besonders Kinder mit hohem Unterstützungsbedarf profitieren davon, wenn Abläufe vorhersehbar sind. Struktur entlastet und hilft, Unruhe zu reduzieren. Ein einfaches Beispiel aus dem Webinar: Ein Kind, das ständig auf die Uhr schaut und unruhig wird, kann durch eine feste Rolle wie „Zeitwächter“ stabilisiert werden. So bekommt es Orientierung, Verantwortung und eine sinnvolle Aufgabe.
3. Professionelle Strategien
Neben Beziehung und Struktur brauchen Lehrkräfte auch fachliches Handwerkszeug. Dazu gehören Austausch im Kollegium, Fallberatungen, Diagnostik, Förderplanung und konkrete Interventionsideen. Wer sich fachlich sicherer fühlt, kann in schwierigen Situationen ruhiger und klarer handeln.
Prävention im Unterricht: Was Lehrkräfte konkret tun können
Ein weiterer Schwerpunkt des Webinars ist die Frage, wie herausforderndes Verhalten präventiv aufgefangen werden kann.
1. Lernumgebung anpassen
Nicht jedes Kind lernt gut im klassischen Sitzkreis oder an Gruppentischen. Manche brauchen Ruhe, Nischen, Kopfhörer, Sichtschutz oder Einzelplätze. Andere benötigen Bewegung oder flexible Arbeitsorte. Die Lernumgebung sollte deshalb möglichst so gestaltet werden, dass Kinder ihren Fokus besser halten können und weniger schnell überfordert sind.
2. Unterricht schülerorientiert gestalten
Viele Störungen entstehen aus Überforderung. Wenn Aufgaben nicht bewältigbar erscheinen, verweigern Kinder sich oder lenken andere ab. Hilfreich sind beispielsweise kleinere Lernschritte, Wochenpläne, alternative Aufgabenformate und sichtbare Lernziele. Schon das einfache Umknicken eines Arbeitsblatts, damit nur ein kleiner Teil sichtbar bleibt, kann Druck reduzieren.
3. Rückzugsräume und Ruhezonen
Wenn Kinder emotional hochfahren, helfen Rückzugsmöglichkeiten. Nicht jede Schule hat dafür eigene Räume, aber schon kleine Lösungen können helfen: ein ruhiger Platz, Entspannungsübungen, leise Musik, Atemübungen oder kleine Materialien zur Selbstregulation wie Fingerringe oder Fidgets.
Traumasensible Pädagogik im Schulalltag
Spannend ist auch der Blick auf die traumasensible Pädagogik. Sie richtet sich an Kinder, die belastende Erfahrungen gemacht haben, etwa durch Flucht, familiäre Krisen, Vernachlässigung oder andere traumatische Erlebnisse. Ein Kind, das sich innerlich ständig bedroht fühlt, kann kaum lernen. Deshalb ist emotionale Sicherheit die Voraussetzung für schulische Entwicklung.
Elternarbeit: Ohne Erziehungspartnerschaft wird es schwer
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Zusammenarbeit mit Eltern. Gerade bei herausfordernden Kindern ist intensive Elternarbeit oft unvermeidbar. Dabei sollte Kommunikation möglichst transparent, wertschätzend und lösungsorientiert sein. Wichtig ist dabei, gemeinsam auf das Wohl des Kindes zu schauen, auch Stärken anstatt nur Probleme zu benennen und regelmäßig gemeinsam zu reflektieren.
Was löst die Störung aus? Die ABC-Analyse
Besonders hilfreich ist die im Webinar genannte ABC-Analyse. Sie unterstützt dabei, problematisches Verhalten systematisch zu betrachten:
- A – Auslöser: Was ist vor dem Verhalten passiert?
- B – Verhalten: Was genau zeigt das Kind?
- C – Konsequenz: Was folgt unmittelbar darauf?
Materialien und Impulse für die Praxis
Zum Schluss werden noch einige praktische Ideen genannt, die im Schulalltag helfen können:
- Gefühlskarten
- Gesprächskarten
- Wertekarten oder Wertepyramiden
- Rollenspiele
- Entspannungstechniken
- Atemübungen
- Reflexionshilfen
- Materialien zur Emotionsregulation
Solche Tools können Kindern helfen, Gefühle besser auszudrücken und mit Lehrkräften ins Gespräch zu kommen.
Julia Michalke
Lehrerin an einer Grund- und Realschule, Autorin „Das Mathebuch“
